von kat
Eigentlich ist es ungeschickt, in einer Haidhauser Stadtteilzeitung Werbung für ein anderes Stadtviertel
zu machen, aber die Veranstaltungen, die wir Ihnen in lockerer Folge vorstellen wollen, sind so speziell und so wenig
kommerziell und überdies von so hohem Unterhaltungswert, daß eine eingehende Berichterstattung von
stadtteilübergreifenden Zeitungen kaum zu erwarten ist. Wohlan, heute begeben wir uns nach Obergiesing zu
einem Übungsabend der Line Dance Gruppe "Munich LAD's".
"Lad", das ist zunächst einmal ein Bursche, ein Junge oder ein Typ, und damit das als Abkürzung
funktioniert, nennt sich der Club ausgeschrieben "Lucky Afternoon Dancers". All dies geht an der Realität
weitgehend vorbei, denn erstens tanzen im Club zu 90% girls, und zweitens schleicht man keineswegs nachmittags, sondern
am mittleren Donnerstag Abend durchs - jahreszeitlich bedingt - finstere Obergiesing zu den Übungsstunden.
Sie finden statt in der Gastwirtschaft "Zur Freundschaft" in der Weissensee/Ecke Wieskirchstraße,
und allein über diese Boaz'n ließen sich seelenvolle Feuilletons füllen. Man durchquert zunächst
die Gaststube: eine Schaufensterpuppe im Dirndl rekelt sich überm Eingang, Wagenräder hängen mit
Schleifen verziert von der Decke und bis vor kurzem war der Rest des Interieurs von Rauchschwaden gnädig verhüllt.
Der angrenzende Saal mit einem schönen Tanzboden dient vor allem der Vorführung von Bauerntheater, erkennbar
an der Bühne mit Bauernstubenkulisse und schwarzem Vorhang und den Tischen und Stühlen, die am
Rand aufeinandergestapelt sind. Kronleuchter mit Lampenschirmen im betagten Landhauslook, unterfüttert von einem
Riesenadventskranz mit weiß-blauen Bändern erhellen die Szenerie. Ist das nicht stöhn? So eine
stolze bayerische Eigenständigkeit nur drei Kilometer vom Marienplatz entfernt! Das "Zur Freundschaft"
sollte sofort in jedem touristischen Handbuch erfaßt werden. Und schon kommt die Bedienung herein, eine ältere
Dame, und ruft: "So, Kinder, was darf's denn sein? Oma bringt's euch." Alle bestellen Spezi und Apfelschorle,
aber das liegt nicht am jugendlichen Alter der LAD's, sondern daran, daß sie Hunderte von Choreographien im Kopf
haben, die sie sogleich in ihre Beine weiterleiten werden, und da kann schon eine Halbe Bier zum Hindernis werden.
Beim Line Dance stellt man sich neben- und hintereinander in Reihen auf, eine meist flotte, meist melodiestarke Musi
überwiegend amerikanischer Provinienz erklingt, und dann tanzen alle nach derselben Choreographie - jede/r für
sich, aber alle das gleiche. Das sieht erstmal einfach wahnsinnig nett aus, weil: Die Tanzgruppe könnte in ihrem
physischen Erscheinungsbild nicht heterogener sein, es gibt alte und junge, große und kleine, beleibte und schlanke
Tänzer/Innen, manche bewegen sich ausladender, manche sparsamer, aber alle stampfen zur gleichen Zeit auf,
drehen sich in die gleiche Richtung, schnippen, wenn's ist, mit den Fingern. Es ist auch die Leichtigkeit und Erdverbundenheit
der Musik, die bald Glücksgefühle erzeugt, egal ob echter Country, ein langsamer Walzer, was Elektronisches
oder ein Folk-Crossover erklingt.
Das Glücksgefühl weicht ein wenig der Anstrengung, wenn man dann selber auf der Tanzfläche steht und seinen
ersten Tanz lernt, denn dann fliegen einem Begriffe wie "Forward rock", "Behind side cross", "Extended
Lock Shuffle" und "Side chassé" um die Ohren. Die Choreographien haben eine bestimmte Anzahl
von Zählern (Counts), und wenn die abgetanzt sind, werden sie - meistens in eine andere Richtung (Wall) - wiederholt.
Man hängt anfangs nur verzweifelt Schritte aneinander ohne Sinn, Witz und Verstand, schaut mal zu den Tischen, mal zur
Bühne, mal zum Fenster und bewegt sich mit der Orientierungslosigkeit eines betrunkenen Elefanten im Raum. Da erweist
sich die Aufstellung in Linien als hilfreich, denn wenn alle um einen herum sich nach rechts drehen, kann es also nicht falsch sein,
ihnen hinterherzutorkeln. Irgendwann, wenn die neue Choreographie in schwungvolle Musik und nachvollziehbare Melodiebögen
eingebettet wird, klärt sich das Schrittechaos, man erkennt die Wiederholungen und hört auf, sich automatisch in die falsche
Richtung zu drehen und über die eigenen oder im schlimmsten Fall sogar über fremde Füße zu fallen.
Eigentlich wird ja alles vom Tanzleiter auch super erklärt, nur es geht manchmal doch zu schnell, und die anderen, erfahrenen
Lads haben es längst kapiert... und irgendwann ist die Sicherheit da, im Körper scheinen die Informationen angekommen
zu sein, und er bewegt sich fast wie von alleine mit traumwandlerischer Sicherheit, schwelgt im Rhythmus - huch, wieso haben
sich jetzt alle nach links gedreht, nur ich schau gradaus?
Diese Art zu tanzen ist eine echte geist-körperliche Herausforderung für den reizüberfluteten Arbeitsirren
unserer Tage, der in schwachen Stunden schon die frühe Demenz auf sich niedersinken fühlt. Aber nach ein paar
Abenden im "Zur Freundschaft" spürt man es im Kopf, wie sich linke und rechts Hirnhemisphäre
anfreunden und sich Synapsen schmatzend schließen, die bisher nichts miteinander zu tun hatten. Außerdem lassen
sich Wartezeiten im Alltag sinnvoll überbrücken: den "Kick Ball Change, Scuff, out-out" als schwere Einzelfiguren
mal am Bahnsteig hopsen oder während der Kopierer dreißig Blätter durchläßt, das macht wirklich Laune.
Line Dance ist der ideale Tanz für Leute, die gerne gemeinsam tanzen, ohne auf einen festen Tanzpartner angewiesen zu sein.
Es gibt schätzungsweise zehn Mal so viele Frauen wie Männer in Deutschland, die gerne festgelegte Tanzschritte und
Figuren tanzen; es gibt übrigens auch Männer, die Line Dance dem Paartanz vorziehen. Er stammt aus den USA, und zwar
angeblich nicht aus der Countryszene, sondern aus den Ballrooms der dreißer und vierziger Jahre. Übers Internet
werden weltweit Choreographien für neue oder alte Musikstücke und Songs verbreitet, was den Vorteil hat, daß
sich die zahlreichen Line Dance Clubs überall in der Welt treffen und übergangslos miteinander tanzen können.
Auch in Haidhausen/Au übrigens! Zum einen bietet die Volkshochschule offene Line-Dance-Abende an: Dienstag zwischen
20 und 21 Uhr 30 im Gasteig im Raum 0105, Tickets zu vier Euro gibt's am Automaten. Am 4. März geht es wieder los. Und im
TSV Ost treffen sich die Linedancer jeden Montag ab 20 Uhr zum freien Tanzen und jeden zweiten Freitag um 17 Uhr um neue Tänze
zu lernen. Die Atmosphäre vom "Zur Freundschaft" erreicht der Nebenraum der "Ostkurve" allerdings
nicht: Der bavarian-american Trash vor der Bauernbühne und unter dem immerwährenden Adventskranz bleibt unerrreicht.
Weitere Infos unter
www.munich-lads.de
kat