von Michael Kriess
Cowboyhüte, Stiefel mit oder ohne Silberbesatz in verschiedensten Ausführungen
und Jeans dominieren das Bild. Nicht zu vergessen auch die überdimensionalen, reich
verzierten Gürtelschnallen - hier
„buckles", genannt - die nicht nur dazu dienen, den
ordentlichen Halt der Hose zu gewährleisten. Vielmehr sind sie sogar wichtiger
Bestandteil dessen, was ihre Träger an diesem Abend im Innsbrucker Jägerheim hat
zusammenkommen lassen. Die gut 200 Menschen, die sich trotz stickigster Luft nicht vom Tanzen
abhalten lassen, sind nämlich
„American Line Dance"-Enthusiasten.
HALTUNGSFRAGE Und wer in der Linie tanzt, der hat die Daumen beider Hände
üblicherweise fest hinter der Gürtelschnalle vergraben. Wofür es
eine einfache Erklärung gibt: Der Oberkörper bleibt beim Line Dance bis auf
wenige Ausnahmen ruhig. Vielleicht auch deshalb, weil bei seinen ursprünglichen
Vertretern - den Cowboys in dem auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts recht wilden Westen
der USA - zu viel Herumgefuchtle mit den Armen eher zu Nervosität als zu Entspannung
geführt hätte.
Sicher ist nur, dass der Tanz aus der Zeit und der Gegend kommt.
„Ob er nun von den Cowboys
oder von europäischen Neuankömmlingen
„erfunden" wurde, darüber gehen die
Meinungen auseinander", meint Silvia Schaberreiter. Und die muss es wissen,
schließlich steht sie dem Hobby Line Dance Club Innsbruck mit dem nach Prärie
riechenden Namen
„Wild Horses" vor.
„Natürlich sind wir alle von Dingen inspiriert, die zum
„american way of life"
gehören", so die tanzbegeisterte Buchhalterin. Dem Traum von der großen
Freiheit, Motorrädern und Countrymusik, um diese Dinge beim Namen zu nennen.
Aber es sei auch das Zusammengehörigkeitsgefühl.
„Es gibt nie Ärger
oder Stänkereien bei unseren Tanzabenden". Was auch auf den Umstand
zurückzuführen sei, dass wenig Alkohol konsumiert werde.
„Die komplizierten
Schrittfolgen fordern ein hohes Maß an Konzentration". Und wie, um Gesagtes zu
beweisen, entschwindet die
„Wild Horses"-Chefin auf die Tanzfläche.
Line Dance ist nichts, was man alleine aufführen könnte und dennoch ideal
für Singles. Getanzt wird zwar in der großen Gruppe, die Schrittfolgen
führt aber jeder Einzelne für sich aus. Oberstes Ziel ist die Synchronität
- erst wenn alle zur selben Zeit dasselbe tun, ist der Line Dancer zufrieden.
„Das dauert
bei jedem einzelnen Tanz allerdings Monate", so Schaberreiter in einer weiteren kurzen
Tanzpause.
VORBILDER Dass alles an diesem Abend spielend aussieht, sei ein Zeichen für die
Qualität der anwesenden Tänzer. Kein Wunder, sind doch die
„Munich Lads"
anlässlich ihres siebenjährigen Bestandsjubiläums zu Gast. Und der
Schwulen-Line Dance-Club aus München ist das große Vorbild der
„Wild Horses".
Was das Tanzrepertoire betrifft, versteht sich.
„Wir sind sehr gute Freunde geworden über die Jahre", schwärmt Schaberreiter
über ihre
„Lehrmeister" aus Bayern. Und schon huscht sie wieder auf die
Tanzfläche. Der
„Tanzstress" ist verständlich, finden die Line Dancer doch
selten Gelegenheit, ihrem Hobby zu fröhnen. Einmal monatlich etwa treffen sich
die
„Wild Horses" für ein paar Stunden, ausgewiesene Line Dance-Lokale gibt es
einstweilen nur westlich des Atlantik.
„In Amerika beherrscht jeder diese Tänze", kommt Schaberreiter beim Gedanken
daran ins Schwärmen. Und schon ist sie wieder weg. Schließlich tönt
„These boots are made for walking" aus den Boxen und dazu muss man geradezu in der
Reihe tanzen. Howdy"
(2 Bilder, leider noch nicht verfügbar Tirol Nummer: 116)
HINTERGRUND
Es gibt vielleicht 100 Line Dancer in Tirol, die über ein Repertoire an Tänzen
verfügen, das ausreicht, um einen ganzen Abend zu füllen. Schätzt Silvia
Schaberreiter, deren „Wild Horses" 25 Westernfreunde angehören. Neben den
„Wildpferden" gehen in Tirol auch noch die „Black Boots" aus Aschau, die „Lucky Heap",
die „Swinging Hips" aus Telfs und die Kufsteiner „Bald Eagle" dem Line Dance nach.
Der sich - und darauf legen alle Beteiligten großen Wert - vom bekannteren
Square Dance deutlich unterscheidet. „Beim Square Dance gibt es einen Ansager, der
die zu tanzenden Schritte vorgibt", erklärt Schaberreiter. Dagegen müssen
die Line Dancer den choreographischen Ablauf im Kopf haben. Das sind mindestens 35
Schrittkombinationen bei einfachsten, mehr als das Doppelte bei schwierigeren
Tänzen. Mindestens 50 solcher Tänze sollte beherrschen, wer einen Tanzabend
so richtig auskosten möchte. Auf Enthusiasten wartet eine Vielzahl von
Choreographien: „Im Internet kursieren etwa 2000 Tänze", weiß Silvia
Schaberreiter, deren „Wild Horses" einmal monatlich an ihrer Synchronität feilen.
Line Dance kann aber auch auf der Volkshochschule erlernt werden. Einem Verein
beizutreten, wird dennoch Sinn machen.
Woran es den Line-Dancern mangelt, sind passende Lokale. „Es muss ja nicht nur
Countrymusik gespielt werden, sondern auch eine entsprechend große Tanzfläche
vorhanden sein", zeigt Schaberreiter die Probleme auf.
Umso mehr freut die Wipptalerin sich auf den Herbst. Denn da findet eine eigene
Line Dance-Kreuzfahrt statt, an der 200 Gleichgesinnte teilnehmen werden. „Da wird
eine Woche lang nur getanzt""
(2 Bilder, leider noch nicht verfügbar Tirol Nummer: 116)